Dr. Bernd Hufnagl ist Biologie und Mediziner mit der Spezialisierung auf Neurobiologe; er betrieb zehn Jahre lang Gehirnforschung an der Universität und am AKH Wien. 2001 gründete er sein Management-Beratungsunternehmen Benefit GmbH, das sich dem Zusammenhang zwischen Gesundheit und Arbeitswelt widmet. Mit seinem Bestsellerbuch Besser fix als fertig beantwortete er die vielen Rückfragen von Kunden zu „hirngerechtem Arbeiten“ bzw. brain traps.

Was ist kein „hirngerechtes Arbeiten“?

Laut Dr. Hufnagl sind wir „Erben eines Gehirns, das noch an steinzeitliche Gegebenheiten angepasst ist. Nachdem die Anpassungsprozesse unseres Gehirns sehr lang dauern, fand das letzte „Hirn-Update“ vor ca. 200.000 Jahren statt.
Damals machte unser Großhirn einen gewaltigen Entwicklungsschritt in Richtung kognitive und rationale Kontrolle; auch Zukunftsplanungsfähigkeit entstand daraus. Da ein Großteil unseres Gehirns von den damaligen Anforderungen geprägt ist, sind wir in der heutigen Welt der vielen Optionen und oft auch bei Businessentscheidungen überfordert. Daraus entstehen Ungeduld, Oberflächlichkeit und Aufmerksamkeitsstörungen. Ab einem gewissen Komplexitätsgrad ist das Arbeitsleben nicht mehr managebar. Führung besteht oft aus dem Vorgeben von Kennzahlen. Die Folge daraus sind Angstkultur, Misstrauen und auch eine Nullfehlerkultur, was insbesondere in Konzernen zu einer Jammerkultur und Zynismus führt und sich die Mitarbeiter nur mehr mit sich selbst beschäftigen.“

Abhilfe kann das Belohnungshormon Dopamin schaffen. Gemäß Dr. Hufnagl schüttet das Gehirn als Belohnung Dopamin aus. Das tue es allerdings nur dann, wenn man sehe wofür – sprich: „der Mitarbeiter muss täglich erkennen, wofür er sich anstrengt, sein Ziel sehen“, um hirngerecht arbeiten zu können.

„Optimierungswahn killt Innovation“

War Dr. Hufnagl Anfang 2000 bis 2008 noch damit beschäftigt, eine Philosophie des klassischen Gesundheitsmanagements in die Unternehmen zu tragen, so erfuhr dies danach, insbesondere durch die Digitalisierung, einen Wandel. „Beschleunigung, permanente Veränderung und Agilität verlangen mehr psychische Leistungsfähigkeit. Hohe unerfüllbare Erwartungshaltungen lassen die Arbeit komplizierter erscheinen. Da die Aufgaben zu kompliziert scheinen, versucht der Mensch das nicht Steuerbare, die Emotionen, wie auch die Intuition wegzuschalten. Aus der Angst vor dem eigenen Versagen entsteht ein Optimierungswahn, der die Versagensängste mildern soll. Diese Kombination aus Angst und Perfektionierungsdrang aber lässt die Offenheit, die wir benötigen, um Innovationen adäquat begegnen zu können, erst gar nicht entstehen. Selbst im privaten Bereich unterliegen wir bereits dem Optimierungswahn, wie zB. den Drang, für den Urlaub das optimale Hotel über booking.com zu finden. Seit dem Einzug von Facebook und anderen sozialen Medien verändere sich die Identifikation der Persönlichkeit vom Sozialen wie der Familie hin zum Ich.“

Was kann man gegen die Folgen der Überforderung des Steinzeithirns in Form von Zynismus, Ungeduld und Jammern denn tun?

Hirngerecht arbeiten1. Ablenkungen minimieren und Spielregeln definieren

„Für sich selbst definieren, wann man nicht erreichbar ist und es bewusst vornehmen.“

2. Digital Detox

„Ernsthaft prüfen, ob wir es noch schaffen, unseren Neugiertrieb bewusst nicht zu befriedigen. Die Fear of missing out (FOMO), eine Kombination aus Neugier und Angst lässt zB. 76% der Deutschen als erste und letzte Tätigkeit des Tages die E-Mails auf dem Handy checken.“

3. Tagträumernetzwerk aktivieren

„Zielloses Denken und Muße unterstützen uns dabei, offline gehen zu können und Details bewusster wahrzunehmen. Jeden Tag einen Kurzurlaub (zB. Mittagessen an einem andern Ort, und ohne über die Arbeit zu reden) zu planen hilft, aus der Rolle zu schlüpfen.“

4. Hobbies

„Manager haben oft keine Hobbies mehr und leben nur mehr für die Firma. Aus diesem Grund wollen Menschen oft nicht mehr ins Topmanagement. Eine Studie basierend auf 60.000 Daten zeigte, dass 95% der untersuchten Manager bei der Anweisung, für fünf Minuten nur aus dem Fenster zu sehen, am EKG eine auffällige Stressreaktion zeigten. Dieser Stress führt zu Lustlosigkeit, Frust, Resignation, Zynismus und zu dem Gefühl, Opfer oder Passagier zu sein.“

5. Nichtentscheidungen treffen = Verzichten

„Auch out of scope definieren.“

„Angst im Büro – Schreibtisch wird zu Kriegsschauplatz“

Die Benefit Gmbh führte Messungen in Büros durch. Parameter wie hoher Blutdruck (280:150), erhöhter Puls (größer 100) oder erhöhte Temperatur wiesen auf Todesangst ähnliche Zustände hin. „Zu Zeiten des Säbelzahntigers waren diese Reaktionen biologisch durchaus sinnvoll, weil sie zur Ausschüttung von Cortisol führten, das Durst- und Hungergefühle minimiert. Heutzutage produzieren wir sie im Büro täglich.“

Was meint der Hirnforscher zur Sinnhaftigkeit des 12-Stundenarbeitstages?

„Zwölf Stunden arbeiten schadet zeitlich begrenzt (auf max. 3-4 Monate) nicht, wenn die Arbeit Sinn und Belohnung gibt. Nicht die Menge der Arbeit ist zu fürchten, sondern die Fremdbestimmtheit. Ebenso wichtig ist es bei langen Arbeitstagen, Pausen zu machen. Wenige Minuten reichen oft schon aus, um aus dem „Film“ auszusteigen. Ortswechsel sind wichtig. Es soll anders riechen und klingen als im Büro, um eine andere emotionale Stimmung zu begünstigen. Selbst das Parfum der Kollegin kann zum Bürogeruch gehören.
Studien belegen, dass Menschen, die ohne Unterbrechung durcharbeiten, zu 40% mehr Fehler begehen und bis zu 60% länger zur Durchführung einer Aufgabe brauchen.“

Wir danken Herrn Dr. Hufnagl für das interessante und anregende Gespräch!

 

Was Prof. DI Dr. Werner Leodolter zum Thema Digitale Transformation zu sagen hat, erfahren Sie in folgendem Artikel: „Künstliche Intelligenz, richtig angewandt, kann menschliche Intelligenz wertvoller denn je machen“